Albumrezension: Beach House – „7“

27. Juni 2018 | L'UniCo Musikredaktion | Keine Kommentare | Allgemein, Musikredaktion, Schallinspektion

Bereits 2005 schlossen sich Victoria Legrand und Alex Scally zum französisch-amerikanischen Dreampop-Duo Beach House zusammen. 13 Jahre und 7 Alben später steht nun mit „7“ das neueste Werk der beiden in den Startlöchern. Was die Platte zu bieten hat, darüber gibt euch Jonas Auskunft.

“Auf dieser Platte findet die Band ihren eigenen Sound”. Diese Floskel findet man wahrscheinlich in hunderten von Albumkritiken. Impliziert wird durch diese, meist wahrscheinlich eher unbedacht benutzte Floskel, so Einiges: Zum einen, dass jede Band einen eigenen Sound braucht, dass niemand anderes diesen spezifischen Sound als ihren eigenen ansehen darf, und natürlich, dass eine gutes Album Ausdruck eines individuellen Schaffensdrangs ist, welcher in einem individuellen Produkt mündet. Wann “Beach House” ihren eigenen Sound gefunden haben, scheint im Nachhinein gar nicht mehr so einfach festzulegen zu sein. Die einfachste Antwort wäre vermutlich ihr 2010er Album “Teen Dream”, auf dem sie ihren Sound erstmals massentauglich produziert gezeigt haben. Doch eigentlich hatten sie die Grundbausteine ihres Sounds auch schon auf ihrem Debütalbum “Beach House” von 2006 gefunden, damals jedoch noch um einiges schroffer, noisiger und noch Welten von ihren Hochglanz-Produktionen der 2010er entfernt.

Trotzdem kann man von keiner Band auf der Welt sagen, dass sie mehr ihren Sound gefunden haben als Beach House. Seit nun 12  Jahren und 7 vollen Alben verkaufen sie in durch ihre Musik den gleichen Sound mit dem gleichen Ziel: Zwischen 36 und 60 Minuten lang sich schweben und träumen lassen zu dürfen. Die Träume sind vielleicht einmal in einer anderen Klangfarbe gemalt, mal etwas glücklicher, mal etwas samtener, mal etwas sonniger. Das neue Album ist dabei düsterer, tiefer, fetter. Es sind keine Sommernachtsträume mehr sondern düstere, psychedelische Halb-Träume. Die Texte sind so banal und unwichtig wie schon immer, mehr ein Medium um eine Stimme zu übertragen als

dass die Stimme das Medium eines Inhalts wäre.

Ein kurzes Schlagzeugintro, welches wohl mehr oder weniger offensichtlich an Shoegaze-Pioniere “My Bloody Valentine” erinnern soll, und das Album beginnt eindrücklich mit “Dark Spring” und zeigt, dass Beach House sich trotz all dem was gleich geblieben ist, doch weiterentwickelt haben. Während der zugrundeliegende Klangteppich immer noch aus den gleichen Elementen aufgebaut ist, scheuen sie sich nicht mehr mit Noise und Dissonanz zu arbeiten, die Crash der Drums könnte nicht mehr rauschen, und der detunte Synthesizer-Lead beißt sich dissonant durch das Klangbett durch. Auf Kopfhörern kann das Album manchmal sogar ein bisschen weh tun. Doch dieses Anecken des Klangs, die Dissonanzen klingen nicht mehr ungewollt und unbedarft wie auf ihren ersten zwei Alben, sondern gewollt und durchexerziert, geplant. Das liegt wahrscheinlich auch zu einem nicht kleinen Teil am Produzenten “Sonic Boom”, der zuletzt mit “MGMT” und “Panda Bear” Musik gemacht hat, und auch dort für einen volleren, tief psychedelischen Klang gesorgt hat. Auf “Black Car” schlängelt sich eine simple Synth-Melodie durch den gesamten Track und bietet die rhythmische und melodische Grundlage. “Lemon Glow” beginnt mit einem Synthesizer, der stark an “Tame Impala” erinnert, dann jedoch in fetten Bass-Sounds und geschrammelten Gitarrensounds verschwindet. In “L’Inconnue” singt Legrand abwechselnd auf Französisch und Englisch und benutzt ihre Stimme rhythmisch interessanter als sie es meistens tut.

Der letzte und längste Song des doch recht kurzen Albums “Last Ride” baut sich melancholisch langsam auf, macht mit der aufgebauten Spannung jedoch herzlich wenig, bevor er im Outro zu einer vorher noch nicht so dagewesenen dissonanten Höhepunkt aufbaut, der dann jedoch auch wieder nur ausfadet. Das volle Potential nutzen Beach House auf dieser Platte leider doch nicht aus, zu sehr sind die Songs immer noch so strukturiert wie vor 8 Jahren schon, zu sehr scheut sich Legrande noch davor, ihre Stimme in irgendeiner Weise zu strapazieren. Genauso fehlen in den einzelnen Songs, und im kompletten Album die Kontraste, mit der ersten Strophe eines Songs weiß man eigentlich schon wie er zu Ende geht.

Die Band veröffentlichte zum Release des Albums einen kurzen Essay, in dem sie unter anderem auf den Entstehungsprozess bei dieser Platte eingegangen sind: So sei die Musik auf “7” zum ersten Mal von ihnen, ungeachtet der Möglichkeit, sie später im Live-Kontext spielen zu können, geschrieben worden. Das klingt in zweierlei Hinsicht naiv, zum einen, da Live-Reproduzierbarkeit in der Zeit von CDJs und modernsten Hip-Hop-Konzerten sowieso eigentlich obsolet ist, zum Anderen da die Musik nicht wirklich danach klingt. Weiterhin erklären sie dort, dass sie mit der Veröffentlichung von “7” nun insgesamt 77 Songs veröffentlicht haben. Es kann für Beach House nicht besonders schwer gewesen sein, genau auf diese Nummer zu kommen. So gut sie ihren Sound gefunden haben, kommt es auf einen Song mehr oder weniger auch nicht an.

 

(Jonas Schöneberg)

 

 

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