„Leute, die Hotelzimmer verwüsten, sind die dümmsten Menschen, die ich mir vorstellen kann!“ – Leoniden im Interview

14. November 2018 | L'UniCo Musikredaktion | Keine Kommentare | Allgemein, L'UniCo on Tour, Musikredaktion

Über die Leoniden brauchen wir euch sicherlich nicht mehr viel zu erzählen – sowohl in unserer Rotation als auch quer durch die Musikpresse kommt man an den Kielern kaum noch vorbei. Logisch deshalb, dass wir uns im Zuge ihres Hamburg-Konzertes am 7.11. mal mit Frontmann Jakob ein wenig über den Hype, gute Musik und Rock’n’Roll-Lifestyle unterhalten haben.

L’UniCo: Hi! Vielleicht magst Du Dich noch einmal ganz kurz vorstellen.

Jakob: Ja, ich bin Jakob. Ich singe bei Leoniden und spiele manchmal ein bisschen Synthies und manchmal ein bisschen Kuhglocken. Die Kuhglocken dürfen nicht fehlen.

Erstmal nochmal Glückwunsch zu eurem neuen Album. Das ist ja jetzt seit knapp zwei Wochen draußen.

Ja, genau. Zwölf Tage.

Wie fühlt sich das jetzt an nach dem Release? Wie hast Du das Feedback wahrgenommen? Wie waren die Erwartungen? Wurden sie erfüllt, nicht erfüllt, übertroffen?

Die Erwartungen wurden definitiv übertroffen! Und das ist auch kein Promo-Gelaber. Wahrscheinlich müsste ich das auch sagen, wenn es jetzt nicht so wäre… Wir geben uns zum Beispiel echt immer Mühe, allen Leuten bei Instagram persönlich zu antworten. Und es war er der erste Tag, der Tag des Releases, wo wir das nicht geschafft haben. Wir kamen nicht hinterher und mussten das ganze Wochenende nacharbeiten, um allen Leuten zu antworten. Und die Breite des Feedbacks und auch die Qualität des Feedbacks hat uns echt überrascht. Uns lag ganz viel an diesem Album, weil es unserer Meinung nach wirklich echt besser ist als das erste. Vor allem, weil wir mehr daran gearbeitet haben, als am ersten und uns das auch sehr wichtig war. Wir hatten so ein bisschen Angst vor diesem „Erste-Album-Hype“, wie das viele Leute mit Bands haben. Das kennst Du sicher auch, dass man ein zweites Album von einer Band kriegt und entweder denkt, ah, das erste war ein bisschen besser, weil es rauer war oder so und das neue dann so anders ist. Und für uns ist das Album wirklich besser als das erste und das haben wir einfach genauso gespiegelt bekommen und das ist der Hammer!

Also habt ihr euch nach dem ersten Album auch gar nicht so den Druck gemacht und gedacht, das nehmen wir jetzt als Maßstab?

Nur für uns selber, insofern, dass wir gesagt haben, wenn wir das zweite Album nicht besser finden als das erste, dann bringen wir es nicht raus. So lange haben wir auch gekämpft, bis wir es dann halt besser fanden. Und jetzt ist das Album draußen und für uns war das ein Jahr lang Arbeit. Und jetzt spielen wir halt die Tour dazu und auf einmal sind Läden ausverkauft und wir stehen vor teilweise 500 Leuten, die uns unsere Texte von Songs ins Gesicht brüllen, die noch nicht mal Singles waren. Also wirklich…da stehen 500 Leute, die sich aufmerksam unser neues Album angehört haben und das ist das größte Lob, was wir kriegen können.

Aber es ging ja doch recht flott. Letztes Jahr habt ihr das erste Album rausgebracht…

Ja, das stimmt!

…und jetzt direkt das zweite! Wo kriegt ihr eure ganzen Inspirationen her? Das ist ja nicht so selbstverständlich. Es gibt auch Bands, die nach dem einen Album gewissermaßen ausgebrannt sind.

Ja, genau. Da gibt es ja ganz häufig Leute, die dann einfach nicht mehr wissen, was sie jetzt machen sollen. Ich glaube, dass das eine Misere ist, in die man kommt, wenn man mit seinem ersten Album einen bestimmten Sound fährt und sich dann einfach nur überlegen kann, das zu wiederholen oder sich neu zu erfinden. Ich glaube, das führt manchmal zu so einer gewissen Unsicherheit und dann auch Gelähmtheit, sodass man nicht weiß, wie man weitermachen soll. Uns ist es schon immer wichtig gewesen, dass sich alle Songs voneinander unterscheiden und jeder Song so ein diverses Merkmal hat, was nur dieser Song hat. Und musikalisch sind wir alle so vollgestopft und außerdem fünf so verschiedene Leute, die für sich auch schon aus so unterschiedlichen Bereichen kommen, dass pausenlos Musik aus uns herausblubbern könnte. Ich glaube, da gibt es kein kreatives Loch für uns – wir werden immer Musik schreiben können! Und textlich war es halt so, dass wir jetzt ganz viel verarbeitet haben, was uns alle fünf betrifft: Was wir in diesem Tunnel und rauschigen Abenteuer, was noch dazu gesagt ein großes Privileg ist, so erleben und wie man da zum Beispiel mit schlechten Gefühlen umgeht. Auf der einen Seite ist das der totale Traum, den wir leben. Der Traum, den wir immer hatten. Dieser pubertäre Jugendtraum – ich möchte Musik machen. Und dass wir das machen können, ist das schönste Geschenk. Und dann muss man aber trotzdem damit umgehen, dass man Tage hat, an denen man an allem oder nur an sich selber zweifelt. Und das sind Themen, die uns total verbunden haben und deswegen total als Inspiration für „Again“ gedient haben. Aber wie gesagt, musikalisch glaube ich, könnten wir auch jetzt auch einfach das dritte Album schreiben. Wir sind einfach so rastlose, ungeduldige Typen und immer wieder hat jemand eine neue Idee. Wir haben auch schon die Dropbox für das dritte Album angefangen, auch wenn wir noch nicht drüber reden wollen, dass wir überhaupt irgendwann mal ein drittes Album rausbringen.

Wieso heißt das Album überhaupt „Again“? Das habt ihr wahrscheinlich schon des Öfteren in Interviews erzählt…

Es ist ja wichtig, dass es Dich interessiert. Dann erzähl ich es Dir super gerne. Quasi ein kleiner Sprung zurück zu der Frage nach dem „Erfinden wir uns neu oder wiederholen wir uns?“. Wir sind einfach unserer Philosophie treu geblieben, die A bedeutet, jeder Song muss sich von dem anderen unterscheiden und ein eigenständiges Merkmal haben, B, an allen Songs muss so lange getüftelt werden, bis alle fünf zufrieden sind und…also wir streiten wirklich über Details und haben teilweise hundert Versionen von Songs, bis sie dann wirklich fertig sind. Bei den letzten zwanzig Versionen geht’s nur noch um Schmu, den eh niemand außer uns hört, aber es ist uns eben wichtig. Und C dann, dass es uns allen lange gefällt. Die Songs liegen immer sehr lange und wenn man dann einen Monat später raufguckt und auch nur einer sagt, hm, finde ich nicht so geil, dann ist der Song tot. Dann muss man den krass gut restaurieren, um ihn wieder reinzubringen. Das haben wir beim ersten Album genauso gemacht und deswegen heißt es „Again“, weil es immer noch um uns geht und Musik von uns ist und man quasi komplementhaft „Again“ in das selbstbetitelte Debutalbum reinstecken könnte und dann 22 verschiedene Songs erhält. Genau. Sonst würde es „Repeat“ heißen, wenn wir quasi das erste Album wiederholt hätten.

©Robin Hinsch

Dann bleiben wir direkt bei „Again“ und bei einem eher ruhigeren Song: „Why“. Was macht ihn so besonders?

In „Why“ ist auf jeden Fall die höchste Note drin, die ich je gesungen hab. Auch aus einem kleinen Unfall heraus. Wir transponieren die Songs ganz oft höher und tiefer, um zu gucken, wo die Stimme am Ende am besten passt. Die Strophe war uns noch nicht hoch genug und dann ist der Refrain dementsprechend auch mit hochgerutscht und dann musste ich erstmal ein bisschen üben. Und „Why“ ist auch der Song, in dem wir uns am meisten an einem Instrumentarium bedient haben, was wir als Rockband eigentlich nicht liefern. Da haben wir ein Streichquartett dazugeholt, wir haben einen Bläsersatz geschrieben und den Chor dazugeholt, weil wir einfach so 90er-Jahre-Boygroup-produktionsmäßig gesagt haben, scheiß drauf, alles rein, was den Song besser macht, auch wenn wir eigentlich nur Gitarre, Bass, Synthies und Schlagzeug und Stimme haben. Und das macht den Song auf jeden Fall besonders.

Gehen wir zu einem anderen Song: „Not Enough“. Da heißt es ja „Guess it’s okay to admit that we are not enough and we don’t have enough“. Ist das quasi so eine Art Selbsterkenntnis bzw. kann man das irgendwie als Appell an sich selbst verstehen, dass man nicht nach dieser totalen Perfektion streben sollte?

Ja. Einerseits ja und andererseits beschreibt es auch dieses Nimmersatt-Gefühl von uns. Wir wissen darum, dass Perfektion ein ganz theoretisches Konstrukt ist. Nichts kann perfekt sein, außer in der Theorie oder auf dem Blatt Papier kann es perfekt sein. Aber unsere Arbeitsweise ist es, dass wir dieses ‚not enough‘, dieses Nimmersatt-Gefühl so lange durchziehen, bis man echt so nah am Perfekten ist, dass der letzte Unterschied auch egal wäre. Das bedeutet für uns halt echt Nächte durchzumachen und jeden Output, den wir haben – sowohl musikalisch als auch visuell – so lange und intensiv zu streiten und zu schrauben, bis er für uns perfekt ist. „Not Enough“ kann man natürlich auch gesellschaftlich münzen, dass man nicht nur sagt, es geht um uns und wir kriegen nicht genug… Da sehe ich voll so ein Generationsding, dass man als schwammige Generation Y irgendwie auch nie so richtig sicher ist, ob man jetzt an der richtigen Stelle ist oder schon genug getan hat, um glücklich zu sein. Das besingen wir auch relativ häufig, weil es uns auch einfach betrifft, als Leute, die so ein bisschen aus dem System aussteigen und irgendwie etwas machen, was eigentlich nur Jugendliche machen – Musik nämlich. Deswegen auch diese Anfangszeile mit dem „Some shit lifts me up but not enough“. Das sind auch immer diese Momente, in denen man denkt, ja, alles cool, aber ist es wirklich cool genug? Und da dreht man sich irgendwie in so einer Spirale um sich selber.

Resultiert aus diesem Gefühl eigentlich auch eure gesamte positive Stimmung, die in all euren Songs zu finden ist?

Total! Total, total, total! Wir gehen ja mit positiver Stimmung ganz kritisch um. Uns ist immer wichtig, dass man zu den Songs tanzen oder zumindest mit seinem Kopf wackeln kann und nicht irgendwie den Tränen nahe auf seine Schuhe guckt. Gleichzeitig besingen wir aber Themen, mit denen man das eigentlich auch machen könnte. Und so kann man selber auch immer entscheiden, ob man jetzt irgendwie kathartisch einfach nur seinen Frust wegtanzen möchte oder ob man die Lyrics ein bisschen zulässt. Bei einer Liveshow verkörpern wir aber eigentlich nur positive Gefühle. Also das ist ganz wichtig, dass es eine große Party ist und alle ganz viel Spaß haben. Es gibt auch echt genug Bands, die sehr traurige, sehr gute traurige Songs schreiben – aber das ist einfach nicht unsere Art und Weise.

Dann habt ihr ja irgendwie eure Nische gefunden.

Mal schauen. Nische heißt ja auch immer, dass es einen Rand gibt. Das heißt, dass es irgendwann eine Grenze gäbe, kompositorisch. Also…vielleicht schreiben wir ja auch ein balladeskes Album als nächstes. Wer weiß? Keiner weiß es.

Um nochmal auf euer erstes und zweites Album zu sprechen zu kommen – ihr habt ja auf keinem Album irgendwelche Features. Arbeitet ihr lieber alleine oder könntet ihr euch vorstellen, in Zukunft mal eine Kollaboration einzugehen?

Das ist voll das gute Thema! Da hab ich letztens ganz lange mit Lennart und Djamin auf einer Zugfahrt drüber gequatscht. Weil wir uns zu fünft schon so schwer nur einig werden, wollen wir eigentlich keine Features auf unseren Alben haben. Also bisher wollten wir es nicht, vielleicht ist es beim dritten dann anders. Dass wir selber Features machen, hat sich noch nicht so richtig ergeben und da wissen wir auch noch nicht so ganz genau, ob wir das cool fänden, wenn ich jetzt eine Hook bei jemand anderem singe. Aber uns ist auf jeden Fall aufgefallen, dass das, was die Indie-Szene eigentlich ausmacht, und zwar genremäßig nicht so festgelegt zu sein, eine große Familie zu sein, nicht an den Hip-Hop gerade herankommt. Wir verstehen einfach nicht, dass im Hip-Hop einfach 50 Prozent aller Songs Features sind und das im Indie nicht stattfindet. Warum sagt nicht der Lennart als Gitarrist von uns, der Sänger von „Blackout Problems“ und der Bassist von den „Beatsteaks“, wir machen jetzt einen Song zusammen? Das passiert irgendwie nicht, obwohl der Indie eigentlich so eine fortschrittliche Musikrichtung sein möchte. Irgendwie ganz schön komisch. Aber wenn „Kitschkrieg“, die irgendwie gerade alles machen, was krass ist…wenn die fragen würden, habt ihr Lust, euch mit uns ins Studio zu setzen und an einem Song zu arbeiten, würden wir auf jeden Fall ja sagen. Aber halt nicht so dieses, wir wollen, dass Dendemann, Casper, Andi von den „Beatsteaks“ oder der Sänger von „Bilderbuch“ auf unserem nächsten Song ist. Aber zusammen als „Think Train“ zusammen an einem Song zu schreiben, das wär schon cool. Das ist dann in der Indie-Szene doch ein bisschen so, dass irgendwie jeder noch so sein eigenes Süppchen kocht.

Vielleicht entwickelt sich das ja noch.

Hoffentlich! Hip-Hop hat dem Indie und dem Punk gerade einiges voraus. Das ist echt krass. Leute moshen auch auf Indie-Konzerten nicht mehr, aber bei Hip-Hop-Konzerten! Das ist total crazy! Aber bei uns wird’s auf jeden Fall gut gemacht! Das ist schön.

Ihr seid ja jetzt schon seit ein paar Tagen unterwegs!

Ja, noch nicht so lange.

Aber bis Mitte Dezember seid ihr auf Tour, dann könnt ihr einmal kurz verschnaufen und im Februar geht’s wieder los. Wie ist das so? Wo nehmt ihr die ganze Energie dafür her?

Sehr gute Frage! Wir nehmen die Energie…ehrlich gesagt, ganz kitschig, einfach nur aus der Liebe zur Sache. Wir lieben es, Konzerte zu spielen. Das ist der Kern für uns persönlich und unsere Band. Konzerte sind das, worauf alles bei uns hinausläuft und wir lieben jeden Menschen, der sich die Mühe macht, auf ein Konzert von uns zu fahren. Weil wir auch alle selber wissen, wie der Netflix-Magnet funktioniert und dass man abends dann doch denkt, ach ne, ich geh nicht mehr raus und so. Und Konzerte sterben auch so ein bisschen aus im Indie. Das pusht uns einfach krass. Das ist einfach…das reicht einfach. Und ich kann dazu auch nochmal sagen, weil das natürlich beim „Woher nehmt ihr die Energie?“ und so vielleicht kommt…wir sind auf jeden Fall auch alle drogenfrei! Weil uns das auch viel zu lame wäre, wenn wir die Band wären, die auf der Bühne abgeht, weil alle komplett bis oben hin zugekokst sind. Das wäre einfach so whack! Und ich sage, derjenige, der das braucht, liebt das, was er tut, nicht genug. Der liebt sich selber zu doll und will selber so ein rockstar-igen Sex-Drugs-and-Rock’n’Roll-Lifestyle fahren – und das sind für mich größtenteils Idioten. Das meine ich auch gar nicht Papa-mäßig, so von wegen, lass die Finger von den Drogen. Jeder kann machen, was er möchte. Aber Leute, die Hotelzimmer verwüsten, sind die dümmsten Menschen, die ich mir vorstellen kann!

Finde ich auch. Das gehört einfach nicht mit dazu.

Ja! Und wem bringt es was? Danach denkt die Putzkraft am nächsten Tag so, fuck! Und das ist Rock’n’Roll? Das ist einfach nur beschissen! Also hört auf damit! Seid lieb zu allen!

Kein Interview ohne eine Frage zu Kiel! Kiel ist ja euer „Lager“. Wie wichtig ist es euch, Shows da zu spielen. Ist es was besonderes oder legt ihr sehr viel Wert drauf, Shows dort in eure Rutschen einzuplanen?

Das ist für mich glaube ich ein bisschen anders noch als bei den anderen.

Stimmt, du kommst ja nicht aus Kiel.

Genau. Die anderen haben ja wirklich auch ihre Schulfreunde und Familie da und es ist wirklich die Stadt, die sie besser kennen als jede andere. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich immer, wenn wir eine Kiel-Show spielen, die fünf Minuten überwinden muss, in denen ich mich wie das fünfte Rad am fünfwägigen Auto fühle. Einfach, weil ich weiß, dass sie früher mit einem alten Sänger hier gespielt haben und so. Dass ich da einmal kurz denke, ob es vielleicht Leute gibt, die das gar nicht mögen, die neue Stimme und so weiter. Irgendwann klappt es dann aber einfach um. Wenn wir aber lieber Konzerte in Kiel spielen würden als woanders, dann würden wir glaube ich häufiger in Kiel spielen. Wir lieben es wirklich, auch in Göttingen zu spielen und eine Show auszuverkaufen, obwohl wir da noch nie gewesen sind. Und für mich sind halt die Konzerte extra besonders, wo meine Eltern da sind, weil die einfach viel mitmachen müssen mit einem Musikersohn, der eben nicht Plan-B-Style studiert. Und ich glaube, das Gefühl haben die anderen dann auch tatsächlich in Kiel. Jetzt gerade ist es so, dass so viele Leute irgendwie umarmend auf uns zukommen und uns unterstützen und sich für uns freuen, dass es einfach für die anderen in Kiel nochmal 5 Millionen mal so schön sein muss. Und das geile an Kiel ist, dass man im eigenen Bett schlafen kann! Das ist richtig geil! Das liebe ich!

Aber sonst, wie lebt es sich on the road?

Ja, auch voll geil. Es geht ja am Ende darum, dass wir es zu fünft es schaffen, den Tagesablauf von 500 anderen Menschen zu bestimmen, indem wir ein Konzert spielen und deswegen halten wir den Rest des Tages auch die Schnauze. Wenn wir in einem lappigen Hotelbett schlafen, dann ist es halt so.

Ich hab jetzt auch noch ein paar Fragen aus unserer Redaktion mitgebracht, weil wir auch ein paar Leoniden-Fan bei uns haben.

Yeah, grüßt euch alle! Cool, dass ihr Leoniden-Fans seid! Whooo!

Wichtige Frage: Wird es in Zukunft einmal eine Studioaufnahme von „1,2,3 Mischgetränk“ geben?

Djamin und ich schmieden immer große Pläne… Sowas werden wir mit Leoniden nicht auf der Bühne spielen, aber wir planen…also wenn ihr einen guten Turmbauer kennt, dann meldet euch bei uns. Wir wollen nämlich in Kiel einen Turm bauen. Unseren Tower, den Leoniden-Tower. Und da ist dann ein Proberaum, Studio, Merchlager, Büro, Chill-Out-Lounge, Fitnessstudio…was kann man noch alles haben? Billard-scheiß-Dreck, Bowlingbahn… Außen ist es dann so wie beim Scream-Tower, dass man so runterfahren kann und dann wollen Djamin und ich zusätzlich alle Genres kentern. Wir machen dann eine coole Hip-Hop-Band, wir machen eine coole Mallorca-Band, wir machen eine coole Rock-Band und dann nehmen wir „1, 2, 3, Mischgetränk“ auf. Aber dafür brauchen wir erstmal einen guten Turmbauer, der so einen Turm für 250 bis 300 Euro bauen würde (lacht). Djamin ist übrigens…Leute stellen sich glaube ich manchmal die Frage oder haben Angst, dass das unecht ist, was man so auf seinem Handy oder im Internet sieht, aber Djamin ist einfach so. Der ist wirklich genau so! Wir haben schon viele Hits geschrieben, die es leider nicht in die Story geschafft haben mit Andi Tanke und…wie hieß ich nochmal? Keine Ahnung. Aber zum Beispiel Habibi Karibik. Das war meine Rapper-Persona, da haben wir auch schon Songs geschrieben. Und um jetzt den Kreis zu schließen…aus einem Habibi-Karibik-Instrumental ist der Anfang von River geworden. Kann man es glauben? Ist nicht zu fassen.

Oh, Plottwist!

Ja, total!

Also dann wohl fürs erste kein „1, 2, 3, Mischgetränk“ für uns?

Auf jeden Fall nicht als Leoniden. Und nicht bei uns auf der Bühne.

Von welcher Musik fühlt ihr euch denn am stärksten geprägt bzw. beeinflusst? Oder gibt es das überhaupt oder saugt ihr einfach alles so teilweise auf und kreiert dann euren Sound?

Ich glaube, eine Regelmäßigkeit kann ich auf jeden Fall formulieren. Eigentlich alles, was uns wirklich aktiv inspiriert hat, wo man merkt, das hat mich geprägt, das hat mir gezeigt, was ich selber gut finde, dass die meisten Sachen davon schon über zehn Jahre alt sind. Häufig hören wir Sachen aus der heutigen Zeit, die uns krass flashen, aber die nicht an den Punkt rankommen, an dem man sagt, sowas will ich auch machen. Als wir das erste Mal von „Parcels“ gehört haben, war es einfach so, wow, wie geil ist das denn? Vierstimmiger Gesang, bisschen „Daft Punk“-Vibe, bisschen „Jungle“, bisschen 80s-Disco-Kram, mega gut. Manchmal hören wir alte Funk-Platten und denken uns, woah, ist das geil. Djamin zeigt den neusten Trap-Shit im Hip-Hop und wir denken, oah, fett! Aber das sind keine Sachen, die man so zu sich macht. Früher hat für mich Inspiration krass so funktioniert, dass ich als ich „At The Drive-In“ und „The Mars Volta“ oder auch Michael Jackson gehört habe, dass ich einfach gemerkt habe, boah, das will ich auch! Das, was das mit mir macht, will ich mit anderen Leuten machen! Die Sachen, die uns inspirieren sind auf jeden Fall älter. Das kann ich safe sagen, ohne dass wir so Opa-mäßig sind, aber ich glaube auch so ein bisschen, dass Inspiration wie so ein großes Fass funktioniert. Irgendwann ist man einfach voll. Manchmal lässt man Sachen ein bisschen raus und lässt was kleines Neues rein. Guck mal, allein wie wichtig es früher war, was für Musik man hört. Heutzutage gibt es keine Hip-Hopper und keine Rocker mehr. Leute hören alles. Leute haben Metalcore gemacht und singen jetzt Autotune-Rap und das ist wunderschön. Es ist wunderschön, dass es so interdisziplinär wird, dass die Leute so offenohrig geworden sind, aber früher war das echt so, dass ich mich durch meine Musik so krass definiert habe. Als ich mein Abi gemacht hab, durfte man sich einen Song aussuchen, der läuft. Oh mein Gott! Das war die Entscheidung meines Lebens!

Was lief denn bei dir?

„The Mars Volta“. Völlig schräger Scheiß. Alle waren so, woah, mach die Scheiße aus! Und ich dachte so, ja, das ist richtig geile Mucke. Die Zeit, in der man sich darüber definiert hat und wie man sich auch von anderen abgegrenzt hat, ist halt total vorbei. Deswegen gibt es nichts mehr, was mich so inspiriert, dass ich das Gefühl hab, dass was der mit mir tut, möchte ich bei jemand anderem so erreichen.

Aber gibt es trotzdem irgendwie eine Band, mit der ihr gerne mal auf Tour gehen würdet, weil ihr sagt, die haben irgendwas in uns bewegt?

Uns bewegen tatsächlich Bands, bei denen nicht nur die Musik stimmt. Bands, die einfach nett sind, mit denen man sich gerne umgibt! Da sind zum Beispiel die „Donots“ eine Band…die sind einfach – ich kenn noch nicht alle Bands auf der Welt – aber es sind safe die Nettesten, die es gibt. Die haben sich so toll um uns gekümmert, die waren so lieb zu uns, dass ich jederzeit wieder mit den „Donots“ auf Tour fahren würde. Und sonst gibt es immer mal wieder Freunde, die wir mitnehmen. Heute zum Beispiel auch „Monako“, die einfach so zum Kreis gehören und die wir einfach gerne mitnehmen. Also selten gibt es Bands, die uns musikalisch so flashen, dass wir sagen, die müssen wir mitnehmen, um die den Leuten zeigen. Aber zum Beispiel waren „I Salute“ auf der letzten Tour dabei. Und sonst einfach Leute, die einfach nett sind! Somit würden wir automatisch mit „Von Wegen Lisbeth“ touren, mit „Heisskalt“, mit den „Donots“, mit „BLOND“, weil die einfach alle nett sind. Das sind einfach gute Menschen. Mit denen umgibt man sich gerne. Und künstlerisch…würde Michael Jackson noch leben, dann wäre das schon krass. Wenn Kurt Cobain noch leben würde, dann würden wir auch gerne Nirvana supporten. Das wär so krank einfach! Ich bin übrigens älter als Kurt Cobain geworden! Super komischer Gedanke. Mega komischer Gedanke. Nächstes Thema.

Alles klar. Drei Fragen hab ich noch parat. Hast Du einen heißen Musiktipp? Irgendwas, was Du gerade hoch und runter hörst?

Pabst“! Ja, hört euch „Pabst“ an! Super geil! Super cool! Wir sind im Auto immer sehr ungeduldig und skippen gerne Songs und Alben, aber das war das erste Album seit es Leoniden gibt, das wir durchgehört haben. Das neue Pabst-Album.

Das nenn ich mal einen Meilenstein!

Mördergeil! Super gut, supergute Liveband auch. Guckt die euch an! Sind mit „Drangsal“ auf Tour gerade. Mega geil.

Was hättet ihr bzw. was hättest Du gemacht, wenn es mit der Musik jetzt nicht so geklappt hätte?

Wow! Keine Ahnung, geheult den ganzen Tag.

Hattest Du nicht sowas wie einen Plan B?

Ne, ich hab studiert, aber halt auch so… nicht so nach vorne.

Also hattest Du immer schon so im Kopf, dass Musik DAS Ding ist?

Ja, ich MUSS das machen, was ich mache. Nichts anderes macht mich glücklich. Auch traurig auf der anderen Seite, aber es ist so.

©Robin Hinsch

Aber sonst hätte es wahrscheinlich auch nicht so funktioniert, wie es jetzt funktioniert.

Vielleicht. Ich hab da echt in vielen Bands drum gefightet, dass ich irgendwie Leute finde, die mit dem Musikmachen genauso rastlos sind wie ich. Wir machen ja nicht Musik, um berühmt und reich zu werden. Um berühmt zu werden, kann man leichtere Sachen machen. Um reich zu werden, kann man leichtere Sachen machen. Wir machen es, weil es uns einfach treibt und wenige Sachen machen mich so traurig, außer zwischenmenschliche Sachen, als wenn man an Musik arbeitet und Leute einen so Klotz-am-Bein-mäßig zurückhalten. Und mit Leoniden habe ich Leute gefunden, die es nicht tun. Wir schubsen uns alle eher immer weiter nach vorne, bis wir mit Lichtgeschwindigkeit irgendwie funktionieren. Und das ist der Hammer! Sonst hatte ich immer große Angst, was zu verpassen. Die hätte ich aktiv auch, wenn ich was anderes machen würde, aber jetzt hab ich sie nicht mehr. Und das ist sehr gut.

Das ist eigentlich ein super Zeichen dafür, dass man das Richtige macht!

Ein super Zeichen! Ja, voll!

Klingt eigentlich voll kitschig, aber es stimmt ja auch.

Ist okay! Ist manchmal die Wahrheit. Kitsch hat ja auch einen Grund. Also der ist ja nicht frei erfunden. Da hab ich mal was Kitschiges gemacht, whoo!

Und damit kommen wir direkt zur letzten Frage: Was war die letzte Platte, die Du Dir gekauft hast?

Die letzte Platte, die ich mir gekauft hab… Früher habe ich gerne so frickelige Musik gehört. Und es gibt eine frickelige Band, die heißen oder hießen „This Town Needs Guns“. Die heißen jetzt schon seit Jahren „TTNG“, weil der Sänger auch ausgestiegen ist und so. Und diese Band hat es geschafft, Emo zu machen – aber mit so einem krassen Indie-Touch, einer krass frickeligen Gitarrenarbeit und so einem mega guten Puls und einer mega guten Stimmung. Die hab ich einfach weggesuchtet. Das Album hat mir so viel gegeben. Das war ein sehr trauriges Album. Da hab ich schon auch viel schmerzliche Stunden mit verbracht. Auf jeden Fall haben die dieses Album dieses Jahr, zehn Jahre später, nochmal als Akustikalbum mit dem alten Sänger aufgenommen. Und das hat mich so getoucht, weil er einfach immer noch so schön wie früher singt und du hörst trotzdem, dass er zehn Jahre älter und einfach gereift ist. Er ist auch damals ausgestiegen, weil er glücklich war, weil er nichts trauriges mehr singen wollte. Aber einmal nochmal diesen Tauchgang zurück…das musste ich mir kaufen. Das war eine schöne Reise zurück zu dem zehn Jahre jüngeren Jakob, der diese frickelige Musik gehört hat. Und dann dieses neue Release der gereiften Version dieser Band…und ich bin auch gealtert mit dieser Band und dieser Musik – das war richtig schön.

Das war’s auch schon. Lieben Dank für Deine Zeit!

Danke Dir!

 

Das Interview führte Michelle Henße