Am 17. März bot Ryosuke Kiyasu in der Kölner Asimmetric Bar eine gefährliche Show vor begeistertem Publikum.
Kiyasus Konzept, eine einzelne Trommel auf einen Tisch zu legen und in improvisatorischem Wahn zu malträtieren, ist so simpel wie einzigartig. Dass der japanische Schlagzeuger jedoch auch technisch versiert ist, mag in seinen musikalischen Ausbrüchen nicht immer offensichtlich sein. Ebenso wenig erscheint er als warmherziger Zeitgenosse, zumindest nicht vor und während seines Auftritts. Ernst dreinblickend und beinahe regungslos verfolgt er aus nächster Nähe das Werk des Support-Acts: RAUS nimmt mit einem beeindruckenden Aufbau aus Effektpedalen, Samplern und einer Loopstation fast die Gesamtheit der kleinen Bühne ein. In durchdachten Kompositionen verwebt er elektromagnetische Wellen, in Hall getränkte Beats vom Band und so ziemlich jedes Geräusch, dass er aus seiner elektrischen Violine herauskitzeln kann. Zwischenzeitlichen Applaus nimmt er missmutig hin, da er dafür die Übergänge zwischen den Stücken unterbrechen muss. Nach einer Dreiviertelstunde der hypnotischen Klangtherapie kann er dem Beifall endlich entgegenlächeln.
Kiyasu hingegen benötigt nicht viel: einen kleinen Tisch, eine Snaredrum, Sticks und Jazzbesen, ein Mikrofon an einem langen Kabel. Ankündigungen? Überflüssig. Die Bühne? Ebenfalls unnötig. Ganz im Gegensatz zu Ohrstöpseln, denn obwohl angekündigt war, der Abend würde „nicht zu laut werden (wegen der Nachbarn)“, wirft Kiyasu das angeschlossene Mikro direkt auf den Boden. Das Asimmetric scheint jedoch Schlimmeres gewöhnt zu sein. Die folgenden 20 Minuten hüpft und stampft Kiyasu wie weggetreten vor sich hin, starrt mit geschlossenen Augen minutenlang zur Decke, schleudert sein gesamtes Equipment hin und her und von sich weg. Er legt seinen Kopf auf die Trommel und schreit in sie hinein, stellt den Tisch auf die Trommel und steckt seine Drumsticks dazwischen. Immer wieder kommt er auf Groove-Fragmente zurück, wirbelt wie in Trance und beweist dabei unfassbares Rhythmusgefühl. Mit einem Satz in die Luft schreckt er aus seinem Delirium auf. Der Krach beim Aufprall ist ohrenbetäubend, die manische Energie überwältigend.
Um den Tisch sitzen die Leute wie gebannt, teils auf Barhockern, andere auf dem Boden. Die Gefahr, das Mikrofon (oder gar der Künstler selbst) könnte in seinem Schwung auf Kollisionskurs mit ihnen stehen, scheint egal zu sein. Einziger Leidtragender bleibt am Ende der Tisch, dem ein Bein aus der Verschraubung gerissen wurde. Auf kollektives Aufatmen folgt johlender Applaus.
Nach der Show kommt Kiyasu mit den Zuschauern ins Gespräch und wirkt dabei deutlich harmloser als noch vor wenigen Minuten. Wenn vor dem Konzert angespannte Vorfreude herrschte, so ist die Stimmung danach befreit und locker: Das Asimmetric wirkt jetzt wie ein übergroßes Wohnzimmer mit Theke, in dem man sich zu kennen scheint beziehungsweise schnell kennenlernt. An einem (intakten) Stehtisch verkauft Kiyasu T-Shirts und CDs aus einem Müllbeutel heraus. Die CDs sind selbstgebrannt und aus Mangel an Hüllen in Poster gewickelt – das ist Underground in seiner rohsten Form.
Text und Bild: Julius von Glinski

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