Die Musikredaktion empfiehlt: Cro – „tru.“

15. September 2017 | L'UniCo Musikredaktion | Keine Kommentare | Allgemein, Musikredaktion, Schallinspektion

Der Stuttgarter beschreitet auf seinem neuesten Album ungewohnte Pfade. Ist sein neuestes Werk wirklich „tru.“ oder doch nur eine Maskerade?

 

Da isser also wieder, der Carlo. Der kalkulierte Radiohitproduzent, der vor einigen Jahren aus dem nichts kam. Und jetzt also mit neuem Album. Die Auskopplungen waren vielversprechend, der Sound scheint diesmal völlig anders geraten zu sein und auch Radiohitflair hatten „Unendlichkeit“ und „Baum“ deutlich weniger als ein „Traum“ oder ein „Easy“. Und ein erstes Alleinstellungmerkmal hat „tru.“ schon beim Blick auf die Laufzeit: 1 Stunde 30 Minuten. Uiuiui, selten sind so vollgepackte Alben auch die Laufzeit wert, aber ich bin gespannt, wie beispielsweise ein 12-minütiges „computiful“ die Spannung aufrechterhalten will.

Viel wurde bereits kurz nach Release über die Texte philosophiert, ganze Abhandlungen verfasst über versteckten und weniger versteckten Chauvinismus, Cro hat in dieser Hinsicht direkt nach Release schon einiges einstecken müssen. Das Ganze ist sehr ausgeartet und einige Reviews und Kommentare zu diesem Thema schienen nur des Schreibens wegen geschrieben worden zu sein. Dass Cro textlich wohl kein Genie ist und nicht so viel Tiefgang zu bieten hat wie ein Prezident, ein Kendrick oder oder oder, das ist nicht neu. Hier sind jedoch deutliche Fortschritte im Vergleich zu „Melodie“, „Easy“, „Raop“ und den ganz alten Werken, „Trash“ und „Meine Musik“, zu erkennen. Es wurde sich viel mit Stimmeinsatz, Textwirkung und Zusammenspiel von Text und Musik auseinandergesetzt, etwas schwerere Textzeilen gehen jedoch damit einhergehend auch auf Kosten der sonst so Cro-typischen Lockerheit. Aber wegen des textlichen Inhalts wird wohl keiner zu „tru.“ greifen, das soll ja vielleicht auch gar nicht das Ziel sein. Dass der Stuttgarter seinen Text jedoch verdammt gut delivern kann, dass er ein starker Rapper mit einer markanten Stimme und einem guten Flow ist, daran ist jedoch kein Stück weit zu zweifeln. Das zeigt sich auch auf diesem Album wieder, hier sei vor allem „hi“ genannt, welches vor starken Flowpassagen und unfassbar gutem Stimmeinsatz nur so strotzt.

Ich stehe auf gute Produktionen, und „tru.“ ist einfach, völlig abgesehen vom Inhalt der Songs, verdammt gut produziert. Ein großartiges Stereobild, überall kleine Klangdetails, schöner, klarer Sound und bei jedem Hören eine neue Entdeckung. Auch die im Vergleich zum Rest des Albums recht dumpf abgemischte Stimme stellt einen spannenden Kontrast dar. Es wird sich Zeit genommen für einen atmosphärischen Aufbau, so ist das Instrumental-Intro auf „forrest gump“ etwas über eine Minute und im gesamten Album kommt zu keinem Zeitpunkt das Gefühl auf, dass versucht wurde, die Songs zu beschneiden, um die beliebten 3:30 Minuten Radiolänge zu erreichen. Ebenso ist die ganze Platte eine schöne Melange aus allen Ecken der Musik, sei es Soul, Jazz, Rap oder komplett experimentellem elektronischem Sound. Jedes einzelne Feature ist super gewählt und fügt sich optimal ein. Nebenbei gesagt ist es eine große Nummer für einen deutschen Künstler, Wyclef Jean auf seine Platte zu bekommen. Ebenso kommt „tru.“ sehr harmonisch daher und bietet durchaus ungewöhnliche Arrangementansätze, die hervorstechen. Sei es das Siri-Duett oder das 10-minütige Instrumental auf „computiful“. Hier hat das Album seine Stärken und stellt den großen Teil der deutschen Musikwelt locker in den Schatten. Hier gibt es endlich etwas Neues, Spannendes, auf das man sich einlassen muss, das jedoch auch schnell zu viel des Guten sein kann.

Doch hier begeht das Album einen Drahtseilakt: Oft wurde das Album mit Kanyes „808s & Heartbreak“ verglichen, allein der Pressetext spricht schon davon. Ich kann dem ganzen Kanye-Hype nichts abgewinnen und manchmal ist dieser künstlerische Ansatz auch einfach nur gewählt, um Kunst zu sein. Und so sehe ich es auch bei „tru.“: Vieles ist spannend, aber manchmal hätte man auch einen Gang zurückfahren sollen. So wirkt das Gesamtwerk stellenweise mehr künstlich als künstlerisch, so als wolle man auf Gedeih und Verderb vermeiden, Herkömmliches zu produzieren. Ebenso ziehen sich die 1:30 h für mich zum Ende hin definitiv, hier hätte man sich den ein oder anderen Song sparen oder verkürzen können, das hätte dem ansonsten ja durchaus positiven Eindruck keinen Abbruch getan.

Doch was bleibt nun als Fazit zu sagen? Ich persönlich verfolge Cro seit seinem „Meine Musik“-Mixtape und habe wirklich größtem Respekt vor dem, was er die letzten Jahre geleistet hat, auch wenn mir längst nicht alles gefallen hat. Doch noch größeren Respekt habe ich vor „tru.“ Nicht nur, weil „tru.“ Ein großartiges Album darstellt. Vielmehr auch, weil Cro sich gegen ein weiteres Poprap-Album entschieden hat, das seine bis dahin zum größtenteils zehn- bis siebzehnjährigen Anhänger ihm aus der Hand gefressen hätten. Gegen ein „Melodie 2.0“. Stattdessen entschied er sich für ein sehr experimentelles, spannendes, einzigartiges neues Werk, das von seiner Klientel wahrscheinlich weniger positiv aufgenommen wird, für mich allerdings einen großen Schritt in Richtung Weiterentwicklung und künstlerischer Emanzipation macht und seinen Fankreis wohl definitiv erweitern und seine Kritiker erst einmal stumm stellen wird. Allein in dieser Hinsicht wird das Album seinem Namen gerecht. Aber wird „tru.“ nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Musikwelt haben? Es wird vielen Künstlern zeigen, was soundtechnisch möglich ist und sie ermutigen, neue Wege zu gehen und etwas zu wagen. Im Großen und Ganzen wird die neueste Platte des Chimperator-Signings jedoch wahrscheinlich ziemlich allein für sich stehen, kaum zu kopieren und auf seine eigene Art und Weise einzigartig. Wir dürften gespannt sein, wie der Weg des Mannes mit der Maske weitergeht.

PS: Auch wenn das im Vorhinein größtenteils klar kommuniziert war: 45€ für eine Hartplastikmaske und 2 CDs ohne Hülle sowie ein Booklet? Nein Cro! Nein Chimperator! Einfach nein. Das stellt einen weiteren Tiefpunkt in der traurigen Deutschrap-Deluxebox-Geschichte dar, die das Album nicht verdient hat!

 

Nicolas Blum