Raufaser: Die Konzert-Highlights des Wintersemesters

18. April 2026 | Raufaser | Keine Kommentare | Raufaser

Wir waren vergangenes Semester viel unterwegs, um stets von den besten Konzerten berichten zu können. Nicht alles haben wir jedoch On-Air besprechen können, deshalb holen wir hier noch einmal auf: Das waren unsere besten Konzerterfahrungen im Winter 2025.

22. September 2025 – Wiegedood im Turock, Essen
Es ist ein trauriges Jubiläum, das hier begangen wird: Vor zehn Jahren erschien das Album „De Doden Hebben Het Goed“ als verspätete Reaktion auf den Tod des Musiker Florent Pevée. „Die Toten haben es gut“ – ganz ohne Ironie oder Hohn gemeint. Denn im Gegensatz zu den Hinterbliebenen müssen die Toten nicht mehr leiden. Wiegedood übernehmen diese Rolle selbst: Levy Seynaeve, Wim Coppers und Gilles Demolder – Freunde und Kollegen von Pevée, außerdem allesamt Anhänger der belgischen Black-Metal-Elite „Church Of Ra“. Und was ist mehr Black Metal, als den Schmerz einfach herauszuschreien? Das Album wächst schließlich zu einer Trilogie, und zum Zehnjährigen spielen Wiegedood ihr Magnum Opus live in Gänze. Wortkarg hetzt das Trio durch die zwölf überlangen Songs. Für eine einzige kurze Ansprache pausieren sie die Musik nicht, sondern bauen darüber Wände aus Gitarrenfeedback. Sie ist auf Flämisch; auch ohne Lärmteppich versteht sie niemand. Auch Applaus ist rar gesät; die Meisten scheinen das Konzert in seiner Gesamtheit respektieren zu wollen. Die Veranstaltung leidet nur unter einem kleinen Turock-Problem: Wer vorne steht, hört schlecht; wer hinten steht, sieht schlecht. Aber auch das kann den Gewaltmarsch nicht ausbremsen.
Julius von Glinski

Healthyliving (Foto: Julius von Glinski)

5. Oktober 2025 – Witch Club Satan im Gebäude 9, Köln
Der Black Metal von Witch Club Satan könnte gar nicht verschiedener von der nüchternen Wiegedood-Schule sein. Die drei norwegischen Musikerinnen treten in Corpse-Paint und extravaganten Kostümen auf und inszenieren sich dabei als kultistische Zeremonienmeisterinnen. Das Ganze könnte albern wirken, würden sie dieses Gimmick nicht ausgesprochen ernst nehmen. Schon beim Betreten der Halle reichen sie Räucherstäbchen ins Publikum (oder waren es Pilze?). Ihre wild stierenden Blicke brechen dabei nie den Kontakt mit den Zuschauenden. Auf der Bühne werden sie richtig wild und steigern sich gegenseitig in inhumane Laute hinein. Nach einem Kostümwechsel stehen sie fast komplett nackt dar, wirken dadurch nur noch bedrohlicher. Vor allem Gitarristin Nikoline Spjelkavik sucht den Kampf gegen das Publikum, spuckt (Kunst-)Blut in die Menge und schlägt beim Crowdsurfen widerspenstig um sich. Bassistin Victoria Røising ist zum Zeitpunkt des Konzerts hochschwanger, lässt sich davon jedoch nicht beeinträchtigen (siehe Beitragsbild). „Heute Abend stehen fünf Hexen auf der Bühne“, kommentiert sie im feierlichen Ton, bevor die erwachsenen Hexen den dreistimmigen Song „Mother“ darbieten. Gänsehaut pur. Mehr Black Metal geht eigentlich gar nicht. Die Zwillinge kamen übrigens kurz nach der Tour wohlbehalten zur Welt.
Julius von Glinski

18. Oktober 2025 – Oranssi Pazuzu im Gebäude 9, Köln
Die Anzahl der Zuschauer:innen bleibt an diesem Abend überschaubar, und so braucht die Vorband Healthyliving keine Mikros, um mit dem Publikum zu interagieren. Was auf dem Papier schade klingt, scheint den Post-Doomern angesichts der Präsenz des Hauptacts völlig egal zu sein. Außerdem wirkt der Auftritt so auch viel persönlicher. Oranssi Pazuzu machen im Anschluss alles Familiäre und Wohlige schnell wieder zunichte. Die Finnen sind notorische Grenzgänger zwischen den Gefilden des Black Metals und des elektronischen Experiments; ihre Musik ist treibend, kalt und erratisch. Ihr Aufbau von Synthesizern und Effektgeräten füllt einen Großteil der Bühne, die beachtliche Menge Kunstnebel die komplette Halle. Obwohl der klare Blick auf die Bühne erschwert bleibt, offenbart das flackernde Licht gespenstische Szenen: Gitarrist Niko „Ikon“ Lehdontie zuckt weggetreten über die Bühne während er brachiale Noise-Soli hinlegt. Am Ende einer besonders stürmischen Einlage ist seine Gitarre verschwunden, stattdessen fuchtelt er mit dem losen Kabel herum, den brummenden Anschluss zwischen den Fingern. Der Rest der Band scheint gefasster, aber sie alle erschaffen Klänge, die man hören muss, um zu glauben, dass es sie wirklich gibt. Nach diesem Konzert ist erstmal tiefes Durchatmen angesagt.
Julius von Glinski

Oranssi Pazuzu (Foto: Julius von Glinski)
Sunn O))) (Foto: Julius von Glinski)
Sunn O))) (Foto: Julius von Glinski)

5. November 2025 – Sunn O))) im Uebel und Gefährlich, Hamburg
Ohne Konkurrenz das lauteste Konzert meines Lebens: Sunn O))) müssen die Bühne gar nicht erst betreten, um Hingucker zu bieten – ihre wörtliche Wand aus Verstärkern ist im Vorlauf zur Show bereits begehrtes Foto-Objekt. Anstatt eines Eröffnungssongs lässt die Band dann auch erstmal eine zehnminütige Klangcollage aus Konzertausschnitten abspielen. Nerven strapazieren können Sunn O))) wie niemand anderes, und so folgt auf diesen minimalen Einstand eine genauso minimale Show mit maximalem Sound. Die beiden Gründungsmitglieder Stephen O’Malley und Greg Anderson spielen diese Tour als Duo, ihr Klang monumental auf die 1000-fache Größe verstärkt. Fast zwei Stunden lang spielen sich die eingehüllten Gestalten Riffs im Schnecken- oder eher Elefantentempo zu und erzeugen Geräusche wie ein mittelgroßes Gewitter. Dieser Höllenlärm geht in den gesamten Körper: Die Ohren fiepen am Ende durch den Gehörschutz durch; die Beine zittern auch auf der Heimfahrt noch.
Julius von Glinski

Bad Omens (Foto: Madelaine Dunschen)
Bad Omens (Foto: Madelaine Dunschen)


10. Dezember 2025 – Bad Omens in der Rudolf Weber Arena, Oberhausen
Menschen, die wegen großer Emotionen weinen, wilde Moshpits und absolut stimmungsvolle Bilder! Genau das war es, was dieses Konzert zu einem Jahreshighlight gemacht hat.

Eingeleitet wurde der Abend von The Ghost Inside und Bilmuri. Erstere zogen an dem Abend in Rekordzeit die gesamte Rudolf-Weber-Arena in ihren Bann. Angesichts der Metalcore- und Punk-Elemente war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten großen Moshpits bildeten und die Fläche für einen vorweihnachtlichen Abend im Metal-Format geebnet war. Dabei brachte vor allem der Song „Wash It Away“ die Menschen in Bewegung. Generell schien das Publikum sehr belebt. Im Nachgang gab es online zwar einige Diskussionen zur Konzert-Etikette und der Stimmung des Abends, dennoch schienen vor Ort alle die Atmosphäre sehr genossen zu haben.

Anschließend war Bilmuri an der Reihe, die gute Laune aufrecht zu erhalten, was ihnen im Laufe ihres Auftritts mal besser und mal schlechter gelang. Vor allem der Bruch zwischen den intensiven, teils harten Metalcore-Elementen von The Ghost Inside und den ausgeprägten melodischen, poppigen Parts von Bilmuris Sound schien einige Fans nicht ganz abzuholen. Zwar tat dieser Umschwung der Gesamtstimmung keinen großen Abbruch, jedoch war auffällig, dass einige Teile der Menge während des Auftritts deutlich ruhiger waren als zuvor. Vielleicht waren die Menschen aber auch einfach zu aufgeregt, Bad Omens nach ihrer langen Pause endlich zu sehen. Dabei stellten sich viele natürlich die Frage, ob Noah Sebastian gesanglich noch genauso überzeugen würde wie vor der Pause – die laut der Band allein darauf zurückzuführen war, dass sie eine Auszeit brauchten, nachdem zahlreiche Fans übergriffig geworden waren und ihre Privatsphäre verletzt hatten.

Nach den ersten Minuten von Bad Omens‘ Song „Specter“ war jedoch eindeutig klar, dass die starke Performance der Band keinerlei Einbußen erlitten hatte. Ihr Auftritt überzeugte dabei nicht nur durch das lang ersehnte Comeback der Band, sondern war auch in Produktion und Bühnengestaltung absolut makellos. Dank des hervorragend abgestimmten Klangs und der stimmungsvollen Beleuchtung hatte man zeitweise das Gefühl, direkt in ein Album der Band einzutauchen. Einfach ein rundum toller Abend, den man so schnell nicht vergessen wird!
Madelaine Dunschen

12. Dezember 2025 – Hvrt im MTC, Köln
Anlässlich der Veröffentlichung ihres Albums „Cancerbloom“ ein Woche zuvor spielen Hvrt aus Bielefeld und Köln ein kleines Release-Konzert. Selbst treten sie jedoch nicht als Headliner auf, sondern „nur“ als zweiter Support. Vorher eröffnen Hexer den Abend. Das Duo aus singendem Gitarristen und Schlagzeuger hauen gut rein. Keine Ansprachen unterbrechen ihr Set; am Ende gibt es lediglich ein kleines „Danke“. Die Band wirkt teilweise , als würden sie sich erst noch einspielen müssen, was sich im Publikum spiegelt. Insgesamt jedoch ein gelungener Opener, welcher das Publikum radikal abholt und auf den Abend einstimmt.

Hvrt selbst legen einen grandiosen Auftritt hin. Mit ihren kleinen Anekdoten zwischen den Songs machen sie sich, wie gewohnt, eindeutig gegen rechts stark. Die Stimmung ist enthusiastisch und den Musikern bleibt der Spaß den ganzen Abend lang anzusehen. Ihr Slot kommt ihnen dabei entgegen – alle vier wirken entspannt, und so können sie sich auch Zeit nehmen, ihren Merch zu unterschreiben.

Zu guter Letzt spielen noch Ayahuasca. Mit den sieben Musikern ist die Bühne des MTC selten eng belegt. Das Chaos auf der Bühne war genau so in ihrer Musik zu hören: Die Wall Of Noise kommt hierbei unterschiedlich an. Teilweise wird sie genossen, teilweise scheint es dem Publikum dann doch zu wild zu werden. Selten war ein Line-up von drei Bands so gut aufeinander abgestimmt. So entstand ein runder Abend voll nasty Riffs, guter Laune, ein paar Moshpits und einem super Release für Hvrt.
Saskia Becker

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